Die 5 Stufen von Automatisierung

Automatisierung für den IT-Betrieb ist derzeit in aller Munde und es ist – gerade wenn man sich schon lange mit dem Thema beschäftigt – sehr auffällig, dass IT-Automatisierung für jeden etwas anderes bedeutet. Es stellt sich in erster Linie die Frage, ob Industrialisierung überhaupt mit ähnlichen Methoden auf die IT angewendet werden kann und ob damit dann ein Automatisierungsgrad wie in der physischen Produktion erreicht wird. Im zweiten Schritt stellt sich die Frage, ob Automatisierung der IT nicht gleichzeitig das langsame Abgeben von Kontrolle in Richtung der maschinellen Entscheidungen ist. Welche klare Antwort man auf die erste Frage geben kann und in welchen 5 Schritten sich Automatisierung im IT Betrieb bereits lange etabliert hat und damit auch nicht mehr aufzuhalten ist wird im Folgenden dargelegt.

Industrialisierung im herkömmlichen Sinne reicht für IT nicht aus

Seit längerem spricht man von der Industrialisierung der IT und verbindet damit die Anwendung der Erkenntnisse aus der industriellen Revolution und der Massenfertigung auch auf die IT. In der Tat ist es so, dass in den meisten Bereichen in denen IT „produziert“ wird eher wie in einem Alchemistenlabor – und wenn es besonders gut organisiert ist, dann wie in einer Manufaktur gearbeitet wird. Diese Missstände sind aber erkannt und es gibt zwei große Lösungsansätze, um die Betriebsorganisation zu verbessern und die Konzepte der Massenfertigung auch für den IT Betrieb anwendbar zu machen.

Erstens werden Erkenntnisse aus der Organisation von Produktionsprozessen auf die IT angewandt. Die ersten Gehversuche in diesem Bereich waren noch recht holperig, aber spätestens nachdem mit der ITIL ein Standard vorliegt, der einer guten Produktionsorganisation entspricht und viele der Erkenntnisse notwendiger Kommunikation, Organisation und Verbesserung aus der industriellen Fertigung einarbeitet und dabei auf die Besonderheiten (hohe Veränderungsrate, andere Persönlichkeitsstruktur des Personals, starke Technologielastigkeit) der IT zentral im System verankert, kann man sich nicht über das Fehlen eines guten und anwendbaren industriellen Prozesses zur Organisation der Fertigung, sondern höchstens über dessen mangelhafte Einführung im eigenen Unternehmen beschweren.

Bei der eigentlichen industriellen Fertigung, sprich der Massenfertigung sieht es etwas anders aus. Denn obwohl kein Mensch in der IT die Notwendigkeit von Standards bestreitet und nahezu jeder Teilnehmer am IT Karussell Standards befürwortet, ist die IT eben doch noch nicht so weit zur „Commodity“ mutiert, dass sich nicht quasi jeder Produzent von der nicht Einhaltung allgemeiner Standards oder von der Schaffung eigener Standardvarianten oder ganzer eigener Standards einen marktvorteil verspricht. Und so kommt es, dass Standards insbesondere in den Bereichen der IT Fuß fassen, die als nicht mehr Marktrelevant betrachtet werden. Ein wünschenswertes Gegengewicht zu dieser Entwicklung, die das Einpendeln auf eine gute Lösung zum Vorteil jeweils einzelner Marktteilnehmer möglichst lange hinauszögert, hat sich die Open Source Bewegung erfolgreich platziert. Open Source ist die einzige Quelle kommerzieller Standards, die auf einer breiteren Ebene eingehalten werden. Leider ist auch hier die Dominanz einzelner Marktinteressen durch die Abhängigkeit von Open Source Projekten von kommerziellen Sponsoren stark gegeben. So lange es also auch nur ein Vorteil sein könnte eine individuelle IT Applikation zu erstellen oder einen individuellen Betriebsprozess für eine Umgebung zu schaffen, wird sich das Thema Standardisierung niemals soweit etablieren, wie es in der fertigenden Industrie der Fall ist. Da die Standardisierung aber die Grundvoraussetzung für die Massenproduktion und damit für Skaleneffekte (Economies of Scale) ist, sind eben jene Skaleneffekte nur in geringen Teilen der IT Produktion – und meist in denen, die ohnehin keine gute Marge mehr versprechen – möglich.

Aber reicht es zu sagen, dass die Marktteilnehmer einfach noch nicht in einem reifen Markt leben und sich damit noch nicht der Industrialisierung unterwerfen müssen? Nein, ganz sicher reicht dies nicht, denn der IT Markt unterscheidet sich in zwei ganz wesentlichen Faktoren von der industriellen Fertigung von Gütern. Erstens hat dieser Markt eine unglaubliche Veränderungsgeschwindigkeit. Auch wenn man manchmal erstaunt ist, welche Dinosaurier man noch unter den lebendigen IT Anwendungen findet und auch wenn es den alten Hasen der IT Branche immer wieder auffällt, dass ein alter Wein in einen neuen Marketingschlauch gefüllt wurde, so ist die Veränderungsrate in der IT so hoch, dass sich die hohen „Rüstkosten“ für eine standardisierte Massenfertigung tatsächlich oft gar nicht rechnen können – schlicht und einfach, weil diese standardisiert zu produzierende Dienstleistung gar nicht lange genug lebt, um die Kosten für ihre Standardisierung hereinzuholen. Zum zweiten – und wahrscheinlich wesentlichen – ist der wichtigste Rohstoff für IT Systeme das Gedankengut und die Kreativität der beteiligten Menschen. Das sogenannte „Intellectual Capital“ treibt die IT voran und sorgt für Marktvorteile oder in manchen Fällen sogar gleich für ganz neue Märkte (siehe z.B. Facebook). Man kann also durchaus von einem „Talent driven Market“ sprechen und obwohl sich Talent nicht automatisch mit Eigensinn korrelieren muss, so läßt sich Talent und die Anwendung von grauen Zellen zur Ersinnung neuer Ideen nur sehr schwer einem standardisierten Prozess oder gar einem Prozess der Massenfertigung unterziehen.

Das Fazit aus diesen einfachen Erkenntnissen ist, dass es uns schwer fallen wird ein Fließband für die Erstellung von IT zu erfinden. Und das hat sofort zur Folge, dass es uns noch schwerer fallen wird ein Fließband zur Betreuung von IT zu konstruieren. Weil sich dieses Fließband so schnell ändern müsste und mit so vielen Neuerungen versehen werden müsste, dass es innerhalb von kürzester Zeit zum Produktionschaos kommen würde.

Damit ist klar, dass sich der weitaus größte Kostenblock in der IT – der Betrieb der selbigen – nicht mit herkömmlichen Industrialisierungskonzepten „mal schnell“ managen lässt, sondern dass neue – wissensbasierte – Ansätze von Nöten sind.

Die Stufen der Automatisierung

Automatisierung im IT Betrieb besteht also in erster Linie darin Wissen verfügbar zu machen und es zur passenden Zeit zur Anwendung zu bringen. Wenn dieser Grundsatz als gegeben angesehen wird, dann ist die Basis des gesamten IT Betriebes das Wissen der IT Experten und seine Anwendung. Automatisierung in diesem Bereich bedeutet also eine gewisse Struktur in dieses Wissen zu bringen oder dieses Wissen irgendwie schneller zur Anwendung zu bringen bzw. dafür zu sorgen, dass es schneller – oder weniger oft – akquiriert werden muss.

Die erste Stufe der Automatisierung ist also die freiwillige Extraktion des Wissens aus den Köpfen der Wissenden. Da die IT Welt sehr Werkzeuggestützt und technologieaffin ist, kann man diese erste Stufe leicht mit einem Hype bestimmter Tools in Verbindung bringen – zum Beispiel der Verbreitung der WiKis. In dieser Stufe der Automatisierung geben Wissende ihr Wissen in einer von ihnen selbst gewählten Struktur ab. Meist tun sie dies, weil sie mit ihren Aufgaben vollkommen überlastet sind (Talente sind in der IT schwer zu finden) und sich von der Weitergabe des Wissens Holfe erwarten. Andere tun es, weil sie von irgendeiner höheren Instanz (ab und an vom Gewissen) dazu gezwungen werden das Geheimnis um gewisse Anwendungen und deren Betreuung zu lüften. Auch wenn sich das für eine andere Branche seltsam lesen würde, aber das Unterstützen der Entstehung von chaotischer und relativ unstrukturierter Dokumentation, war und ist in der IT und insbesondere im IT Betrieb ein immenser Vorteil. Und im Wahrsten Sinne des Wortes wird nun Automatisiert, denn Arbeiten können in einem besser organisierten Prozess von weniger qualifizierten Talenten durchgeführt werden (auch wenn dies einen erheblichen Overhead bedeutet). Man hat also – ähnlich wie in der Manufaktur – einen Meister durch mehrere Gesellen ersetzt und der Meister hat Zeit sich die nächste Generation Methoden oder Werksstücke auszudenken.

Die zweite Stufe der Automatisierung ist eine Verbesserung des ersten. Hat man einmal eine chaotische selbstwachsende Wissenslandschaft geschaffen, so fällt einem schnell der bereits erwähnte Overhead auf, der für den Zugriff auf das Wissen entsteht oder sogar die steigende Fehlerrate, die durch Missverständnisse und Fehlinterpretationen ob der inkonsistenten Struktur und Vernetzung des Wissens gefördert werden. Die nächste Stufe der Automatisierung ist also eine Art Metastandardisierung des Wissens. Man standardisiert nicht das abzugebende Wissen selbst (das würde dem System IT wiedersprechen), sondern legt einen Rahmen und eine Struktur fest in dem Wissen abgegeben werden muss. Letztendlich fällt man wieder in alt bewährte Muster zurück und presst das chaotische Konstrukt „Wissen“ in einen Standard. In diesem Bereich sind ebenfalls wieder Werkzeuge zu beobachten, die wie Knowledge Bases oder Best Practice Archives oder im ganz besonders modernen Falle Run-Book-Automation das Wissen um die Erfüllung einer bestimmten Aufgabe gut strukturieren. Und auch wenn diese alten Muster einen guten Effekt und ihre Berechtigung haben, so reichen sie doch bei Weitem nicht aus – weil sie wie schon erwähnt einen enormen Overhead auf das System Wissen aufsetzen und dieses System oft diesen Overhead auf Grund kurzer Lebenszyklen einzelner Vorgehensweisen nicht überbieten kann.

Die dritte Stufe der Automatisierung – und die Stufe, in der sich die meisten Unternehmen mit ihrem Personal befinden – ist die Nutzung von Skripten und die besonders gute Verwaltung der selbigen. Ein Skript ist das IT Äquivalent eines Fließbandes. Es ist eine vorgefertigte Produktionsstraße, ein Programm oder gar eine Sammlung von Programmen, die aus standardisierten Eingaben immer und immer wieder dieselben Ausgaben (in der produzierenden Industrie die Produkte oder Produktvarianten) erzeugen kann. Dies ist ein sehr wichtiger Schritt in der Automatisierung. Vor allem aber ist es ein Schritt, der schon seit je her von den IT Talenten in allen IT Umgebungen angewendet wird. In letzter Zeit sind lediglich gute Methoden hinzugekommen, die es erlauben die Vielzahl von Skripten, die durch die hohe Anzahl verschiedener Aufgaben (kein produzierender Betrieb würde so viele Produktvarianten unterstützen, wie ein IT Betrieb, schon allein weil es für so viele Varianten keine Distribution gäbe) entstanden sind erfolgreich zu verwalten und für einen gewissen Grad an Konsistenz zu sorgen. Die Werkzeuge, die diese Stufe der Automatisierung unterstützen fallen dann in die Kategorie der Data Center Automation oder der Process Automation. Dieser Schritt ist wichtig und sinnvoll und wird wie gesagt schon lange in der IT angewandt – worüber auch neue Oberflächen nicht hinwegtäuschen können. Er ist aber noch eine unzureichende Antwort für den Umgang mit sich schnell veränderndem Wissen, da in den ach so komplex verwalteten Skripten das Wissen gefangen ist und sich rei entfalten oderen kann.

Die vierte Stufe der Automatisierung ist die Übertragung der Kontrolle vom Menschen der das Wissen nutzt und dessen Anwendung steuert an die Maschine in klar definierten Nischen. Normalerweise sind dies Nischen, die aus irgendwelche Gründen gar nicht mehr von einem Menschen gesteuert werden können. Zum Beispiel die Ansteuerung oder die Kontrolle von Clustern aus vielen Rechnern kann auf Grund der notwendigen Geschwindigkeit bei der Fällung von Entscheidungen und bei der großen Menge an auszuwertender Daten für das Fällen dieser Entscheidungen gar nicht mehr von einem Menschen durchgeführt werden. In diesem Falle überträgt man das notwendige Wissen wohl strukturiert aber nicht fest verdrahtet in eine Maschine, die dann autonom und in ihrer spezifischen Nische das mitgegebene Wissen nutzt, um Entscheidungen zu treffen und Wissen anzuwenden, um die erforderliche Aufgabe zu erfüllen. Auch diese Systeme finden sich in vielen Spezialanwendungen und Sonderautomatisierungen für einen definierten Bereich. Misstraut man dem „Expertensystem“ solcher Maschinen lässt sich quasi als Vorstufe eine Nachfrage beim Benutzer einführen. Das System trifft also eine Entscheidung, stellt diese beim Benutzer vor und lässt sich die Durchführung vom Benutzer genehmigen oder unterstützt den Benutzer bei der manuellen Ausführung (zum Beispiel indem alle Kommandos vom Benutzer nur noch kopiert und wieder eingefügt werden müssen).

Die fünfte Stufe der Automatisierung ist die Anwendung der Autonomen Systeme nicht nur auf Nischen, sondern auf die gesamte IT Umgebung. Dabei wird das Wissen der heutigen Experten Stück für Stück und ohne Zusammenhänge an die Maschine übertragen. Die Maschine muss dann an Hand einer gestellten Aufgabe – ganz wie ein Mensch – die notwendigen Stücke Wissen aus dem großen Pool an möglichem Wissen extrahieren und nacheinender ausführen. Um die psychologische Barriere dieser Kontrollverschiebung abzuschwächen, bietet es sich in diesem Falle an im ersten Schritt auch keine vollkommen autonome Ausführung vorzusehen, sondern eine Freigabe von den Benutzern anzufordern. Wenn das Vertrauen einmal geschaffen ist, kann diese Stufe abgeschafft werden und die nun aktive Maschine arbeitet auf der ihr übergebenen IT Umgebung, wie ein autonomer Autopilot. Nach der ersten Stufe der Automatisierung ist dies die einzige Stufe von Automatisierung, die mit den besonderen Gegebenheiten der IT auch besonders umgeht und nicht nur versucht alt Bekanntes auch auf die IT anzuwenden.

Der Status Quo in der Automatisierungspyramide

Abschließend ist zu sagen, dass die meisten Organisationen sich momentan irgendwo zwischen Stufe 2 und 3 für den Großteil der Aufgaben befinden, die in ihrer IT abzuwickeln sind. Nischen, die gar nicht mehr manuell bedient werden können, kommen auch schon für Stufe 4 Lösungen in Frage. Der konstante Druck auf Kosten und Qualität macht aber eine Weiterentwicklung unbedingt notwendig. Führt man sich die Kette der Automatisierungsstufen vor Auge, so kann man den logischen Aufbau betrachten und eventuell rein psychologische Ressentiments überwinden. Die Maschine kann den selben Vorsichtsmaßnahmen folgen, die wir heute auch Menschen vorgeben und ist der einzige Weg für immer dynamischere Umgebungen den schnellen Betrieb zu gewährleisten. Viel mehr aber noch die diese Maschine für die IT Talente der einzige Weg, wie sie die Zeit frei bekommen, um all die Anforderungen und Verbesserungen umzusetzen, die man von Ihnen erwartet und dabei gleichzeitig noch den Beitrag der IT zum Geschäftserfolg zu gewährleisten. Die Talente werden beim Einsatz einer Stufe 5 Maschine – eines Autopiloten – endlich wieder dafür eingesetzt wofür sie am besten Qualifiziert sind (und was ihnen auch am meisten Spaß macht) – für die Erzeugung neues Wissens und neuer Ideen.

 

2 Gedanken zu “Die 5 Stufen von Automatisierung

  1. guten morgen,
    ich würde diesen, und vielleicht auch andere artikel gerne zur akquisition nutzen, als einzeldruck oder datei.
    wie bekomme ich einen sauberen download?

  2. Hallo Herr Reibstein,
    Sie können all unsere Posts als pdf downloaden. Benutzen Sie hierfür einfach in der Button-Leiste unterhalb des Artikels “Drucken mit PrintFriendly” (der Button rechts außen). Sie werden dann weitergeleitet und haben die Möglichkeit, vor der Konvertierung das Layout des gewünschten Artikels anzupassen. Zurzeit werden im pdf leider nicht alle Grafiken optimal angezeigt, wir arbeiten daran.
    Alternativ können Sie uns gerne eine Email an kontakt@arago.de schicken und wir lassen Ihnen die gewünschten Artikel als pdf zukommen.
    Viele Grüße,
    Martina Kirchner (Relationship Marketing arago AG)

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