Die Automatisierungs-Skepsis

In Automatisierungsprojekten erleben wir immer wieder massive Widerstände gegen die Einführung unserer Automatisierungslösung: Das Management einer Firma hat entschieden, dass die Einführung sinnvoll ist, aber von den Mitarbeitern auf der operativen Ebene kommt eine Flut von Argumenten, warum der funktionierende Systembetrieb nur genau dann funktionieren kann, wenn man alles genau so belässt, wie es ist. Im gleichen Atemzug klagen dieselben Mitarbeiter jedoch darüber, dass sie ständig dasselbe tun müssen, dass sie überlastet sind und nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Woher kommt aber diese Skepsis davor, die eigenen – erkannten und artikulierten – Probleme mit Hilfe einer Automatisierungs-Technik zu lösen?

Ein sehr ähnliches Verhalten konnte man vor zehn Jahren in den großen SAP-Einführungsprojekten beobachten: Mitarbeiter, denen ihre Arbeit über den Kopf wuchs, weigerten sich, mit einer Software zu arbeiten, die ihnen genau diese Arbeit erleichtern sollte.

Hintergründe waren damals wie heute die Angst vor dem Neuen und damit verbunden auch immer die Angst um den eigenen Arbeitsplatz. Diese Ängste vor den Auswirkungen der Automatisierung gibt es in allen Branchen, wie Frank Rieger, ein Sprecher des CCC in seinem Artikel „Roboter müssen unsere Rente sichern“ in der FAZ vom 18.05.2012 ausführt. Betrachtet man die tatsächlichen Auswirkungen der “Automatisierungs-Revolution” auf die Betroffenen in der IT-Branche, stellt sich die Frage, ob diese Ängste hier berechtigt sind. Ich denke: Nein! Vielmehr ergibt sich durch die digitale Revolution und die jetzt anstehende Automatisierungswelle ein Bedarf an neuen Stellen.

Foto: jerekeys / flickr

 

Natürlich trifft auch hier die Einschätzung zu, dass jede Automatisierung den Einsatz manueller Arbeit ersetzt. Allerdings wächst aber durch die sich immer weiter ausbreitende Nutzung von IT auch in IT-fremden Fachgebieten der Bedarf an IT und IT-Dienstleistungen immer weiter. Ein steigender Automatisierungsgrad bedeutet heutzutage immer auch steigende Anforderungen an die dahinter stehende IT. Das bedeutet neue Aufgaben, neue Aufträge und neue Jobs. Innerhalb der IT ist die Automatisierung weit fortgeschritten.

Hier hat man in den vergangenen Jahren bereits erfolgreich versucht, durch Standardisierung, Run-Book-Automation und ähnliches eine Automatisierung repetetiver Aufgaben zu erreichen. Die im Artikel beschriebene “Machtübernahme der künstlichen Intelligenz” bedeutet in diesem Bereich den Schritt weg von der Run-Book-Automation hin zu dynamischen Systemen, die situationsabhängig eigene Entscheidungen treffen können und so die statischen Run-Books und Scripte durch dynamische, zur Laufzeit erstellte Abfolgen von Aktionen ersetzen. Das führt zu dem Effekt, dass in der IT tatsächlich Aufgaben wegfallen, die heute manuell ausgeführt werden. Parallel dazu wachsen aber die Aufgaben in der IT stetig an: zum einen durch das stetige Wachstum der Automatisierung in die Breite, zum anderen durch die immer steigenden neuen Anforderungen.

Moore’s Law prognostiziert eine Verdoppelung der Hardwaremöglichkeiten alle 18 Monate. Um diese Möglichkeiten sinnvoll auszunutzen, wird der Einsatz von Automatisierungslösungen nur bedingt möglich sein, die Entwicklung wirklich neuer Funktionalitäten und Techniken wird weiterhin menschlichen Experten vorbehalten bleiben. Damit verschieben sich in der IT die Aufgaben von einem Schwerpunkt auf der Erhaltung des laufenden Betriebs hin zur kreativen Nutzung neuer technischer Möglichkeiten. Vor diesem Hintergrund sehe ich die Angst vor Jobverlust oder den befürchteten Trend hin zu unattraktiven Billiglohnjobs in der IT nicht auf uns zu kommen – im Gegenteil: Der Wegfall von Jobs im reinen Wartungsbereich wird kompensiert durch die Entstehung anspruchsvoller Jobs in der Weiterentwicklung von Automatisierungslösungen für alle Bereiche.

Die Herausforderungen, die jeder in der IT hat, sind ein schneller technologischer Vorschritt und Globalisierung. Das Adaptieren von neuen Techniken, Arbeitsweisen und –methoden gehört für uns ITler zum Berufsbild und sollte keine Angst machen, sondern als Herausforderung begriffen werden.

Ich sehe hier einen spannenden Weg in die Zukunft, der offen steht, wenn man offen ist, die neuen Möglichkeiten zu begreifen und sich in das Abenteuer zu stürzen, die sich daraus ergebenden beruflichen Möglichkeiten zu ergreifen.

4 Gedanken zu “Die Automatisierungs-Skepsis

  1. Es geht sogar noch weiter – angenommen, ein Unternehmen verlagert seine Dienste in eine Cloud mit dynamischen Loadbalancer, der in der Lage ist, je nach Bedarf eine neue VM auf Basis von Überwachungswerten zu klonen, zu aktivieren und zu diese dann bei sinkender Last wieder zu deaktivieren. Wenn dies ein Mensch machen soll, so benötigt dieser mindestens eine Stunde in voller Konzentration in einer klassischen nicht-hochdynamischen Umgebung. Eine Automatisierungslösung, die diese Monitoring Werte direkt erhält ist dazu in der Lage, dies in weniger als zehn Minuten zu erledigen.

    Und da kommt man dann zum richtigen Thema – was ist das wichtigste Gut eines Administrators? Seine Zeit. Wenn die Automatisierungslösung also in der Lage ist, ihm die Aufgaben abzunehmen, die ihn unnötigerweise davon abhalten, die wirklich wichtigen und in der Pipeline liegenden Dinge zu erledigen, dann hat er jetzt plötzlich wieder mehr Zeit zur Verfügung. Nicht nur dass der Service im Unternehmen allgemein steigt, weil die Verfügbarkeiten aus dem Keller in den Dachboden hochsteigen, nein auch der IT Leiter hat plötzlich wieder die Möglichkeit, dynamisch und ohne Überlastung der Mitarbeiter neue Projekte zu planen, kann genaue Termine für Umstrukturierungen der Landschaft nennen usw. usf.

    Die Angst vor einer Automatisierung ist in meinen Augen unberechtigt – im Gegenteil erschafft sie vielfältige kreative Arbeitsfelder, fliesst in die Planung von Projekten ein, erzeugt Entspannung und fröhliche Mitarbeiter und Manager. :)

  2. Aus meiner Sicht ist die Frage nicht beantwortbar, ob Automatisierung Angst machen sollte oder nicht. Wie mit jedem Werkzeug / Methode ist es nicht die diese selbst, die eine Auswirkung hat, sondern derjenige, der sie MIT EINER ABSICHT einsetzt. Ich kann also je nach Absicht bei dem Thema Automatisierung zu gegensätzlichen Ergebnissen / Antworten kommen, die bei “richtig” und “berechtigt” sind:

    – Ein Abteilungsleiter benötigt zur Kompensation für 2 “abzubauende” Admins
    eine Automatisierungslösung => Angst berechtigt?
    – Ein anderer Abteilungsleiter will Kreativität und Attraktivität für seine Mitarbeiter
    erhöhen und sucht eine Automatisierungslösung => Angst unberechtigt?

    Ich denke, die Angst geht hier eher Richtung Management, die ihr Heil in Lösung 1 suchen und tatsächlich Arbeitsplätze gefährden, die nicht zu neuen AP führen (Kosten sparen). Hier ist ehrliche Kommunikation erforderlich, nicht gerade eine Stärke vieler IT-Manager.

    Ein zweiter Aspekt ist, dass die wachsenden Skill-Anforderungen für einige, die bei der Automatisierung “übrig” sind, zu hoch sein könnten. Wir haben kaum noch Jobs für Menschen, die nur einfache Tätigkeiten ausführen können. Für die ist kein Trost, dass neue Jobs entstehen, die für sie nicht erreichbar sind …

    • Sie haben bestimmt Recht mit der Aussage, dass man die Frage ob Angst vor Automatisierung generell berechtigt ist oder nicht nicht abschliessend beantworten kann. Die Möglichkeiten eine Technologie zu nutzen sind vielfältig, und wie sie schreiben von der Absicht abhängig. Gegen einen Missbrauch oder auch nur einen Einsatz, der in einem definierten Umfeld einen negativen Effekt hat ist keine Technik – auch keine Automatisierungstechnik gefeit. Ich habe deswegen nicht versucht zu beantworten, ob einzelne Personen Angst um ihren Job haben müssen, sondern wie aus meiner Sicht das Gesamtbild unserer Branche aussieht. Hier sehe ich eine generelle Angst vor der Technik tatsächlich als unbegründet an. Die von Ihnen erwähnte Angst vor den Managern steht auf einem anderen Blatt.
      Ihren zweiten Aspekt habe ich aus zwei Gründen nicht näher beleuchtet: zum einen widerspricht er meiner Erfahrung. Die Leute, mit denen ich am meisten zu tun habe sind gut ausgebildete Informatiker (Programmierer, Admins…). Für diese Leute ist es ein Anreiz, anspruchsvollere Aufgaben zu bekommen. Ansonsten gibt es den im Artikel von Hr. Rieger aufgezeigten allgemeinen Trend zu “McJobs”. Dem habe ich für den mir bekannten Bereich widersprochen, dass es aber generell zu einer Knappheit an einfachen Tätigkeiten durch die Automatisierung kommen wird sehe ich nicht.

  3. Ich denke, dass @Peter hier einen sehr wichtigen Punkt nennt: In vielen grossen IT Organisationen kann mal auch einfach “mitschwimmen”, ohne sich gross fortzubilden oder zu engagieren. In einer Umgebung, wo alle Standardtasks automatisiert sind und die Administratoren als die Spezialisten die interessanten und anspruchsvollen Tasks erfuellen, geht das kaum – man faellt dort sofort auf.
    Es gibt hier sicher eine Analogie in der produzierenden Industrie, die ja schon sehr lange automatisiert. Die ganz einfach qualifizierten Leute sind dort auch zunaechst nicht mehr gebraucht worden.
    Andererseits zeigt genau z.B. die Auto-Industrie, dass Automatisierung dort vollkommen selbstverstaendlich geworden ist.
    Nur wir als “Computermenschen” haben uns noch nicht durchringen koennen, unsere Arbeit nicht “computergesteuert” machen zu lassen…

    Oliver Heinz

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