In allen möglichen Büchern und Zeitungsartikeln wird das Loblied auf Enterprise 2.0 und Ecosysteme gesungen und die Argumente für solche Systeme sind bestechend. Leider tangieren derartige Systeme immer auch das Selbstverständnis eines Unternehmens und sind damit auf Gedeih und Verderb vom Ego der Führungskräfte des Unternehmens beeinflusst.
Die Grundaussage von Enterprise 2.0 verkündet, es sei kein riesiges Unternehmen mehr notwendig, um weltweit agieren zu können, sondern kleinere Unternehmen – mit jeweils besseren Margen als ein einziges großes – könnten sich für eine bestimmte Aufgabe zusammenfinden, sie mit vereinten Kräften erledigen und ansonsten ihrer Wege gehen. Bei Erfolg wächst die Wahrscheinlichkeit, dass diese Zusammenarbeit wiederholt wird und auf diese Weise Ecosysteme von Unternehmen entstehen, die jeweils mit ihrer Expertise in Kombination ein großes Ganzes erbringen.
Wirtschaftlich wird das heute oft noch durch das Thema Generalunternehmerschaft oder, einfacher ausgedrückt, über die Haftung in Flexibilität und Geschwindigkeit gebremst, aber das kann man leicht ändern.
Schwieriger hingegen ist die Organisation der Zusammenarbeit der kleineren Einheiten untereinander, so dass diese sich wirklich wie in einem lebenden Organismus optimal an- und unterordnen. Und das hat insbesondere mit dem Selbstverständnis der Führungsriegen zu tun.
Da hört man dann, dass eine Zusammenarbeit nur dann richtig gut ist, wenn der Partner die eigenen Dienstleistungen vertreibt; man selbst übernimmt diesen Dienst für den Partner nur halbherzig. Wird gar offensichtlich, dass die Partnerschaft sich trotz allem lohnt, wird sofort die Frage gestellt, ob man diese Leistung nicht auch selbst erbringen könne, um so die Marge zu erhöhen.
Darum geht es nicht, werte Damen und Herren Vorstandskollegen. Es geht darum, gemeinsam eine Aufgabe zu erfüllen und sich nicht im Streit „Wer hat mehr davon“ zu verlieren oder nach dem „Gewinn des anderen zu schielen“. Gemeinsam ist der Kuchen deutlich größer, die Verwaltungskosten deutlich geringer und die Time-to-Market deutlich kürzer. Aber diese Erkenntnis wird durch ein ebenso kurzfristiges wie kurzsichtiges Gewinnstreben auf der Top-Etage oft verdrängt.
Also noch einmal deutlich, meine Damen und Herren Vorstandskollegen… Seien Sie modern, verstehen Sie unter einer Partnerschaft, dass jeder seine Aufgabe so gut wie möglich erledigt und dabei die Eigenarten des anderen respektiert. Erst wenn Sie dazu bereit sind, lesen Sie all die schönen Bücher über Enterprise 2.0 und dergleichen weiter und erst danach fangen Sie an, Marketingparolen mit Enterprise 2.0-Inhalten an die Belegschaft oder an Kunden und Partner auszugeben.