PCTY 2012: Die spannendsten Vorträge

Thorsten Hilger hat ja bereits sein persönliches Fazit über die IBM Pulse Comes To You (PCTY) 2012 in Frankfurt gezogen. Ich möchte nun auf drei Präsentationen eingehen, die bei mir besonders Eindruck hinterlassen haben.

 

Im Auftakt-Vortrag der PCTY präsentierte IBM Distinguished Engineer Ingo Averdunk IBM Tivoli’s Roadmap for Infrastructure Optimization. Integration ist seit einigen Jahren eines der Hauptthemen für IBM. Durch die gewaltige „Shoppingtour“, auf die sich das Unternehmen in den letzten zehn Jahren begab und Produkte und Unternehmen akquirierte, ist die Tivoli Produktfamilie von ehemals fünf auf mittlerweile 500 – 1.500 Produkte angewachsen (über die genaue Zahl scheint man sich bei IBM uneinig zu sein). Der neue Chef der Tivoli-Sparte hat nun weitere Einkäufe gestoppt und sich an die Mammutaufgabe gemacht, die vorhandenen Werkzeuge zu integrieren und zu benutzbaren Produkten zu machen.

 

Aktuell findet bei IBM ein Umdenken statt. Das Unternehmen hat erkannt, dass technologische Faktoren wie Cloud, Mobile Devices und DevOps (agile Softwareentwicklung bei immer kürzeren Entwicklungszyklen) an Bedeutung zunehmen. Interessant fand ich, dass IBM die technische Entwicklung insgesamt aber eher als Problem denn als Chance zu verstehen scheint. Als Lösung für diese Herausforderungen setzt IBM seit Jahren auf Standardisierung. Nachdem sich der Konzern dabei bisher v.a. auf Maschinen konzentrierte, hat er sich nun auf die Fahnen geschrieben, Applikationen zu vereinheitlichen. Dafür schreibt IBM Patterns, in die alle Applikationen gepresst werden sollen. Ich persönlich räume diesem Ansatz aber keine großen Erfolgsaussichten ein. Bereits die Standardisierungsversuche auf Maschinen-Ebene sind gescheitert. Dass die Standardisierung von Applikationen funktionieren wird, halte ich deswegen für noch unwahrscheinlicher. Eher werden sich so nur zu 100% identische Applikationen auf die gleiche Weise verwalten lassen. Zudem ist dieser Ansatz meiner Ansicht nach keine geeignete Antwort auf die aktuelle DevOps-Bewegung.

 

 

Des Weiteren hat IBM die Nutzerfreundlichkeit für sich entdeckt. Zum ersten Mal hat das Unternehmen eine Web-Oberfläche entwickelt, die mehrere Werkzeuge kapselt. Bei der Entwicklung orientierten sich die IBMler nach eigener Aussage u.a. an der Microsofts Xbox. Allerdings wirkte die präsentierte Oberfläche auf mich identisch zu den Desktop-Anwendungen und eher unübersichtlich und wenig benutzerfreundlich. Ich konnte keine rechte Verbesserung oder Mehrwert im Vergleich zu den Vorjahren erkennen.

 

Ebenfalls interessant fand ich den Vortrag Wie unterstützt Performance Management mein Business? – Fallbeispiel Kabel Deutschland von Dirk Haegebarth, Kabel Deutschland, und Peter Faust, OpenAdvice. Kabel Deutschland unterhält mit gewaltigem Aufwand ein riesiges Performance Management System zum Betrieb und Monitoring der über 1,5 Mio. Kabelmodems seiner Kunden. Obwohl der Kabelnetzbetreiber mit der Oberfläche sehr zufrieden ist, reifte im letzten Jahr der Entschluss, offene Schnittstellen zu anderen Werkzeugen zu implementieren. Denn bis dato waren die Daten, die das System lieferte, oft inkonsistent – mit dem Ergebnis, dass unterschiedliche Geschäftsbereiche mit unterschiedlichen Daten arbeiteten und so zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Deswegen erfolgt nun die Übertragung automatisch in verschiedene Werkzeuge wie Excel. Kabel Deutschland berichtete von einer hohen Benutzerzufriedenheit und äußerte als künftige Wünsche in Richtung IBM u.a., Performancedaten im Kontext der Netzwerk-Topologie betrachten zu können sowie managementtaugliche Reports. Bemerkenswert finde ich, dass Kabel Deutschland das System nun schon über fünf Jahre ohne diese Funktionen betreibt. Ich frage mich, welchen Mehrwert sich das Unternehmen davon verspricht?

 

Schließlich möchte ich noch auf die von Jens Habler, Hapag-Lloyd, präsentierte Einführung einer User Self Service Lösung für Incident und Change Management mit speziellem Frontend und Maximo eingehen. IBM, der Outsourcing-Partner der Reederei, steuert die Verwaltung der Hapag-Lloyd Hardware über Maximo, ein prozessseitig IBM spezifisch aufgesetztes System. Mit diesem ließen sich Hapag-Lloyds Prozesse nicht oder nur rudimentär abbilden. Da das System sehr komplex ist, mussten Anwender eine dreimonatige Schulung durchlaufen, bis sie Maximo bedienen konnten. Da Hapag-Llloyd Maximo nur zum Ersatz defekter Hardware nutzt, war dies für das Unternehmen uninteressant und übertrug die Daten deswegen bisher per Hand vom firmeninternen System an Maximo.

 

Um die Nutzerfreundlichkeit und Effizienz zu steigern, entschied sich Hapag-Llyod für ein Self Service Portal mit auf die Bedürfnisse der User abgestimmten Dateneingabemasken als eigenes Frontend für Maximo und beauftragte softWrench mit der Implementierung. In den folgenden 16 Monaten entwickelten 35 softWrench Entwickler Masken für 14 Standardfälle und integrierten sie über eine ODBC-Schnittstelle (!), über die schreibend zugegriffen wird. Diese Entwicklungszeiten finde ich um ehrlich zu sein recht lang. Ähnliche Projekte bei arago hat in der Vergangenheit ein Entwickler in 1,5 Monaten realisiert. Bei uns können Eingabefelder in Wiki-Syntax individualisiert und so 2/3 des Aufwands für die Definition der fachlichen Anforderungen und 1/3 für das tatsächliche Programmieren aufgewendet werden. Hapag-Lloyd bezeichnet das Ergebnis trotzdem als vollen Erfolg. Durch die intuitive Benutzung mussten die 160 Filialen nicht geschult werden, die Störmeldungen nahmen um 10% ab, es gingen weniger Komponenten verloren und die Mitarbeiterzahl in der IT-Zentrale konnte um 10% verringert werden.

 

Mein persönliches Fazit von der PCTY: man sieht auf breiter Front, dass bei IBM ein Fortschrittsgeist herrscht und die Entwicklung nach vorn geht. Das ist gerade für dieses Urgestein der IT-Branche eine große Leistung. Die PCTY 2012 war eine gute Veranstaltung. Ich persönlich habe zwar nichts Neues gelernt, finde es aber hilfreich, ab und zu einmal über den eigenen Tellerrand zu schauen und unsere Produkte und Herausforderungen mit denen der Marktbegleiter zu vergleichen. Und stelle in diesem Zusammenhang fest: in unserem Kernbereich der Automatisierung sind wir IBM in der Entwicklung um ein paar Jahre voraus sind – und tun natürlich auch alles dafür, um es zu bleiben!

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